Doppeljubiläum

Landwirtschaftliches Hauptfest 2018

Doppeljubiläum 2018 - 200 Jahre in 2 Minuten

  • Luftbild Landwirtschaftliches Hauptfest

    Bild: Manfred Storck

100. Landwirtschaftliches Hauptfest und 200 Jahre Cannstatter Volksfest


Wenn man durch die Gassen des Cannstatter Volksfestes schlendert, den Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln in der Nase, vorbei an riesigen Zelten aus denen laute Musik strömt, fröhliche Menschen und leuchtende Kinderaugen vor Schaustellerbuden sieht, dann gibt es für diesen Moment wohl keinen schöneren Platz im Leben. Niemand wird einen Gedanken an Krieg, Verderben oder Hunger verschwenden. Zu Gründungszeiten des Hauptfestes stand diese grauenhafte Vorstellung allerdings auf der Tagesordnung. Kaum einem der heutigen Festbesucher ist bewusst, dass das "Landwirthschaftsfest zu Kannstadt" aus der bittersten Not heraus entstanden ist.

Der Anfang des 19. Jahrhunderts war geprägt von Kriegen, Unwettern und Missernten. Zu allem Übel litt die Bevölkerung 1815 an einer der größten Naturkatastrophen, welche die Menschheit jemals erlebt hat, dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora. Beim größten Vulkanausbruch der letzten Jahrtausende wurden rund 150 Kubikkilometer Asche und Gestein in die Stratosphäre geschleudert und verdunkelten für mehrere Monate den Himmel. Die dramatischen Auswirkungen bekamen Württemberg und Baden erst ein Jahr später zu spüren. Ein Zeitzeuge berichtete: "Am Neujahrstag war es heiß wie im Sommer. Im Mai war es kalt wie sonst im Februar. Die Brunnen sind zugefroren, dass man kein Wasser holen konnte. Im Juni setzte dann ein Regen ein, der nicht enden wollte. Auf den Feldern verfaulte das Korn. Im Juli vernichtete ein Hagel alles, was gewachsen war." Es folgte eine totale Missernte, das Vieh ging ein oder wurde geschlachtet und "die Ärmsten versuchten sich von Sauerampfer, Moos und Katzenfleisch zu ernähren" schreibt Hans-Erhard Lessing in seiner Biografie des Erfinders Drais. 

Als 1817 - nach Jahren der Missernten - der erste prall gefüllte Getreidewagen in Stuttgart einfuhr, wurde er wie eine Erlösung gefeiert. Der junge Regent König Wilhelm I - erst wenige Wochen in Amt und Würden - erkannte, dass die Bauernschaft maßgeblicher Dreh- und Angelpunkt in der Gesellschaft ist. Fortan setzte er sich für die Förderung der landwirtschaftlichen Strukturen und die Ausbildung der Bauern ein und gründete 1817 die "Centralstelle des Landwirthschaftlichen Vereins" als erste staatliche Oberbehörde. 1818 wurde mit der "Bekanntmachung eines jährlich am 8 September zu Kannstadt abzuhaltenden Landwirthschaftlichen Festes" der Grundstein für das heutige Haupt- und Volksfest, bestehend aus Viehprämierungen, Pferderennen und Viehmarkt gelegt. Noch im gleichen Jahr wurde ein landwirtschaftliches Institut  als Versuchs- und Unterrichtsanstalt gegründet. Die Geburtsstunde der uns wohlbekannten Universität Hohenheim.

Wenn sich der eine oder andere Besucher die Geschichte des Hauptfestes vor Augen führt, wird er in diesem mit anderen Augen über den Cannstatter Wasen gehen. Vielleicht sieht er nicht mehr nur die Achterbahnen, das üppige Essen und die ausgelassenen Partys. Sondern vielleicht bleibt sein Blick auch an der reichlich geschmückten Fruchtsäule -ein Symbol des Ernte-Dank - oder der landwirtschaftlichen Ausstellung hängen. Und vielleicht, ist man ganz im Stillen König Wilhelm I dankbar für seine Bestrebungen die Landwirtschaft zu fördern, dem Grundstein für das Leben, das wir heute führen dürfen.